Abarth

Karl Abarth, der Unternehmer

Karl Abarth, am 15. November 1908 in Wien geboren, kam im Alter von sechs Jahren nach Meran. Wie sein Vater besaß auch er die italienische Nationalität. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, kehrte die Familie nach Wien zurück. Im Alter von 15 Jahren borgte sich Karl das Motorrad eines Freundes; die Ausfahrt endete jedoch schon nach wenigen Metern an einer Mauer. Aber die Leidenschaft für schnelle Fahrzeuge hatte einen Anfang genommen... Als Sechzehnjähriger verdiente er sich sein Taschengeld als Mitarbeiter in einer feinmechanischen Werkstatt, wo er mit Laborprüfungen und Materialtests vertraut gemacht wurde.
Später erhielt Abarth eine Stellung in der Wiener Fahrradfabrik Degan. Dort erlernte er den Rahmenbau und führte Reparaturen an defekten Motorradmotoren durch. Abarth arbeite auch für die Wiener Firma Castagna & Co. Nach dem Schulabschluss ging er zur Motorradfabrik Thun (MT) in Traiskirchen, Österreich. Im Alter von 19 Jahren baute er sich sein erstes Motorrad nach eigenen Vorstellungen auf der Basis einer Grindlay-Peerless; als Antriebsaggregat verwendete er einen 250-ccm-Villiers-Motor. 1928 nahm er mit diesem Motorrad am Großen Preis von Österreich teil.
1930 konstruierte Karl Abarth seinen ersten Rennauspufftopf und konnte als Werksfahrer für DKW zahlreiche Motorradsiege verbuchen . Jedoch stürzte er am 4. Mai 1930 bei einem Straßenrennen in Wels so unglücklich, dass er sich sein linkes Knie zertrümmerte. Schon bald wieder sah man ihn am Start: Mit einer englischen Sunbeam-Kombination sorgte er erneut für Schlagzeilen. Kurz darauf ging er eine Wette ein, die er prompt gewann: Er fuhr mit seinem Gespann schneller von der belgischen Hafenstadt Oostende nach Wien als der legendäre Orientexpress .
Im Jahre 1934 heiratete er die Sekretärin eines Rechtsanwalts namens Dr. Anton Piëch, dessen Frau Louise die Schwester Ferry Porsches war, dem Sohn Ferdinand Porsches.
1939 verunglückte Abarth erneut, dieses Mal in Ljubljana. Wenig später zog er mit seiner Familie nach Italien und begann sich in Meran eine neue Existenz aufzubauen.
Zu dieser Zeit lebte noch sein Großvater in Meran, der ihm das Haus vererben sollte. Nach einem Briefwechsel mit Louise Piëch kam es zum Gespräch mit Ferry Porsche, der ihm den Auftrag gab. in Italien Geschäftsverbindungen anzuknüpfen. Carlo Abarth lernte den Rennfahrer Tazio Nuvolari, den ehemaligen Porsche-Mitarbeiter Rudolf Hruska (der später bei Alfa Romeo den Alfasud entwickelte) und Graf Giovanni Lurani kennen.
Nachdem Abarth (seinen Vornamen schrieb er jetzt Carlo) auch die Bekanntschaft Piero Dusios, einen Turiner Ex-Fußballstar und Textil-Industriellen, der eine Schwäche für schnelle Wagen besaß, gemacht hatte, wurde er Hauptingenieur und Leiter bei der von Dusio gegründeten Firma Cisitalia.
Bei Cisitalia entstand in Zusammenarbeit mit Ferry Porsche ein Grand-Prix-Fahrzeug mit Allradantrieb und zwei Kompressoren. Abarth war an diesem Gemeinschaftsprojekt um 1947 beteiligt und siedelte nach Turin über. Doch das Porsche-Cisitalia-Projekt erlebte keine Realisierung; es entstand nur ein einziger Versuchswagen.

Der Abarth-Rennstall

Im Alter von vierzig Jahren trennte sich Carlo Abarth sowohl von seiner Frau als auch von Porsche und begann wieder von Neuem . Er gründete einen eigenen Rennstall, und um dessen Finanzierung zu gewährleisten, rief er im März 1949 ein weiteres Unternehmen ins Leben, die Abarth & C. S.r.l., eingetragen in Bologna. Gleichzeitig gründete Abarth in Turin die Squadra Carlo Abarth.
Die Firma Abarth & C. S.r.l. war ein Gemeinschaftsgründung mit Giovanni Agnelli (Fiat) und dem Rennfahrer Armando Scagliarini, nachdem Cisitalia Konkurs angemeldet hatte. Scagliarini war Gutsbesitzer und dessen Sohn Guido einer der ersten Fahrer für die Squadra Carlo Abarth, zu der auch Tazio Nuvolari, Nino Farina und Piero Taruffi gehörten. Noch im gleichen Jahr konnte das Team die italienischen Rennsport-Meisterschaften gewinnen. Zudem beteiligte sich die Squadra mit vier roten Cisitalia-Sportwagen an der XVI. Mille Miglia, bei der das Team Scagliarini/Maggio als 1100er-Klassensieger auf den fünften Gesamtplatz kam.
1949 beschäftigte Abarth acht Mechaniker in seinem Unternehmen, das im selben Jahr drei Wagen beim Senigallia-Sportwagenrennen einsetzte. Zur gleichen Zeit entstand ein Spider auf Basis des Fiat 1100 mit hochverdichteter Maschine und Doppelvergaser. Das Fahrzeug erhielt die Bezeichnung Abarth 204. 1950 startete der Wagen ohne Kotflügel und Scheinwerfer als Formel-2-Fahrzeug (\"Intertyp\"), bevor Abarth im Mai 1950 auf dem Turiner Automobil Salon sein erstes Auto ausstellte.

Tuning und Schalldämpfer-Fertigung

Abarth zog 1950 eine Fertigung von Auspuffanlagen auf, die sich noch in den 1990er Jahren großer Beliebtheit erfreuten. Er konzentrierte sich von jetzt an auf das Tunen und auf die Produktion von speziellen Nockenwellen, Ventilfedern sowie kompletten Frisiersätzen.
Der Firmensitz in Turin war von Carlo Abarth weitsichtig geplant worden, und die Nähe zu Fiat und Lancia sollte sich bezahlt machen. So rüstete Abarth die drei Lancia B 20 Coupés, die 1952 bei der Carrera Panamericana teilnahmen, mit überarbeiteten Bremsen, Vergasern, Aufhängungsteilen und auch mit Abarth-Auspuff aus. Im gleichen Jahr entwickelte er in Zusammenarbeit mit Fiat eine Reihe von Prototypen auf Basis der Modelle 1100 und 1400. Das Abarth 1500 Coupé basierte auf dem Fiat 1400 und besaß eine von Scaglione entworfene Karosserie. Der Wagen wurde später an die Firma Packard verkauft.
Auf Basis des Fiat 1100 entstand 1953 das Abarth Fiat 103 GT Coupé mit einer Karosserie von Ghia. Ein identisches Fahrzeug, jedoch mit Simca-Motor ausgestattet, war der erste Schritt zu einer engen Kooperation zwischen Abarth und der französischen Firma Simca.

Abarth als Sportwagen-Hersteller

1955 startete Carlo Abarth seine eigene Sportwagenproduktion. Es entstand eine erste \"elaborazione-derivazione\" des neuen Fiat 600. Prototypen wurden im gleichen Jahr auf dem Turiner Automobil Salon ausgestellt. Abarths Markenzeichen war ein Skorpion - das Sternzeichen, unter dem er geboren war.
Abarth wurde berühmt, weil er aus Fiat-Motoren das Maximum herausholte

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. Fiat unterstützte Abarth durch Belieferung mit Teilen zu günstigen Konditionen. Obwohl keine Vertraglichkeiten zwischen beiden Firmen bestanden, funktionierte die Zusammenarbeit ausgezeichnet. Bald gab es von fast jedem Fiat-Modell auch eine Abarth-Version.
Interessant waren auch Abarths Eigenkonstruktionen; er baute Spezialkarosserien für Reise-, Sport-, Renn- und Rekordwagen. Bevor sie in kleiner Serien gefertigt wurden, entstand stets ein Prototyp. 1956 begann Carlo Abarth mit der Serienfertigung der stärkeren Version des Fiat 600, dem Abarth 750. Die Bialbero-Coupés (Motor mit zwei Nockenwellen) galten im Wettbewerb als unschlagbar. Eine Weiterentwicklung stellte der Fiat-Abarth 1000 TC dar und hatte bald auf den Rennstrecken der Welt Tausende von Siegen zu verzeichnen. Die Bezeichnung TC stand für Turismo Competizione. 1956 bis 1958 entstanden bei Abarth auch einige Stromlinienfahrzeuge. Mit diesen Fahrzeugen wurden fünf Weltrekorde gefahren.

Jahre der Expansion

Die Firma Abarth & C. S.r.l. expandierte im Lauf der Jahre erheblich, die Zahl der Mitarbeiter war auf 250 Personen angestiegen. Von 1956 bis 1960 wurden bei Abarth etwa 3500 Fiat 600 zum Abarth 750 umgewandelt. Ende 1960 versah man für Porsche in Zuffenhausen zwanzig Fahrzeuge des Typs Carrera mit speziellen Karosserien.
Für Simca entstand auf Basis des Simca 1000 der Abarth-Simca 1300 als Coupé, das kurze Zeit später auch mit einem 1,6-Liter- bzw. ferner 2,0-Liter-Motor zu bekommen war. 1959 war es zu einem Zusammenschluss von Abarth und der Konkurrenzfirma Siata gekommen. Diese Firma wendete sich später der Herstellung von Industriefahrzeugen zu.
Im Modelljahr 1964 wurden 22 verschiedene Abarth-Modelle angeboten, angefangen vom kleinen 595 bis zum Abarth-Simca 2.0 Liter. Um jene Zeit plante Abarth auch ein Formel-1-Projekt. Der Wagen sollte einen 3,0-Liter-V8-Motor bekommen, wie er bereits Verwendung in Sportwagen und Bergrennwagen fand, mit vier obenliegende Nockenwellen, vier Weber-Doppelvergasern und Doppelzündung.
Im Jahre 1964 gab es zunächst einen Formel-2-Abarth, genannt 232 F 2. Der Rennwagen wies einen Gitterrohrrahmen, einen 995-ccm-Motor mit 120 PS sowie Einzelradaufhängung auf.
Carlo Abarths Passion galt nach wie vor den Weltrekordwagen. Er wollte stets neue Bestmarken setzen. Am 21. Oktober 1965 absolvierte Abarth persönlich in einem Monoposto mit 1000-ccm-Motor den einhundertsten Rekord seiner Fahrzeuge.

Übernahme durch Fiat

Ende der 1960er Jahre hatten Streiks sowie unsichere politische Verhältnisse in Italien ihre Einflüsse auch auf die Automobilindustrie. Bei Abarth ging der Umsatz mit Auspuffanlagen zurück. Die Gesamtsituation machte Fiat indessen zum Monopolisten: 1967 übernahm der Konzern 50 Prozent von Ferrari, im März 1968 erwarben die Turiner Autobianchi und im Oktober desselben Jahres ging auch Lancia im Fiat-Konzern auf.
Vom Autobianchi A112 hatte Abarth eine interessante, für den Rennsporteinsatz gedachte Modifikation anzubieten; Fiat war an diesem Projekt jedoch nicht interessiert. Abarth war verstimmt und es kam zu einem Disput, der mit dem Rückzug Abarths endete. David gegen Goliath: Im Oktober 1971 wurden Carlo Abarths Anteile an der Abarth & Co. S.p.A. von Fiat übernommen. Abarths Rechte wurden damit stark eingeschränkt, was eine Minderung seines Engagements und schließlich seine Demission zur Folge hatte. Ingenieur Aurelio Lampredi, berühmt geworden durch seine Arbeit bei Ferrari, übernahm die Leitung des Hauses. Carlo Abarth blieb zwar noch zwei Jahre lang als Berater in Turin, zog aber dann, verbittert und enttäuscht, zurück in seine Heimatstadt Wien.
Die Firma Abarth nahm unter Lampredis Leitung einen neuen Aufschwung. Der Name erhielt Markenstatus, und Abarth-Autos gewannen die Rallye-Weltmeisterschaften in den Jahren 1977 und 1978 sowie die Rallye Monte Carlo 1980. Der italienische Automobilgigant Fiat verfügte über das Recht der Weiterführung des Markennamens Abarth und verwendete ihn für sportliche Versionen bestimmter Serienwagen. So gab es einen Lancia-Abarth Rally GT, einen Fiat Ritmo Abarth 125 TC Stradale und 1985 den Lancia Delta Abarth 4 WD. Die Firma Abarth & Co. produzierte mehr Automobile als die englische Sport- und Rennwagenmarke Lotus, errang mehr Siege als Porsche.
Ein lang ersehntes Revival des Namens Abarth gab es Anfang 2007, als Fiat ein Modell namens Grande Punto Abarth vorstellte. Sein 1,4-Liter-Vierventil-Motor mit Turbolader leistete 155 PS, und auch die äußerlichen Merkmale des Wagens wurden dem Namen gerecht. Der kleine Zweitürer mit seinem modifizierten Fahrwerk hatte ausgewölbte Kotflügel, durch die Aluspeichenfelgen erkannte man die rot lackierten Brembo-Rennbremsen. Weitere Abarth-Modelle sollten folgen.
Carlo Abarth starb am 23. November 1979 im Alter von 70 Jahren in Wien, zwei Monate nach seiner vierten Heirat. Seine Autos hatten bis 1971 fast 7500 Siege eingefahren sowie 113 internationale und fünf Weltrekorde. Eine stolze Bilanz.